Die Geschichtswerkstatt Minsk

Das aktuelle Programm im Jahr 2010

Hier finden Sie eine Übersicht über die herausragenden Programmangebote in der Geschichtswerkstatt Minsk. Die Ergebnisse der Arbeit werden auch immer wieder dokumentiert und veröffentlicht. Informationen dazu finden Sie unter Publikationen.  

Klub für junge Historiker „Erinnerungskultur an den Krieg in Belarus und Deutschland“

Mit dem Begriff der Erinnerungskultur wird in der Regel der nicht spezifisch wissenschaftliche Gebrauch der Geschichte für die Öffentlichkeit bezeichnet, wie er u.a. in Gedenkstätten und Museen, Gedenkritualen, in  der Archivierung von Informationen und in Publikationen sowie in der Herausgabe von Büchern und in den über Generationen weitergegebenen Erinnerungen zum Ausdruck kommt.

In Deutschland, Österreich und anderen Ländern ist der Begriff der Erinnerungskultur weit verbreitet, um den Umgang mit dem Thema Holocaust und das Gedenken an die Opfer des National-Sozialismus zu beschreiben. Seit der Stockholmer Konferenz der EU in 200 gilt der Holocaust zudem vielen politischen Akteuren innerhalb der EU als „negativer Gründungsmythos Europas“. In Belarus kommt der Begriff der Erinnerungskultur bisher kaum in öffentlichen Diskussionen und wissenschaftlichen Analysen vor.

Im Rahmen des seit 2003 in der Geschichtswerkstatt tagenden Klubs werden die jungen Historiker daher dieses Jahr am Beispiel der deutschen Historiografie eine intensive Auseinandersetzung mit dem Begriff der Erinnerungskultur am Beispiel des 2. Weltkriegs sowie mit den Methoden zu ihrer Erforschung erfolgen.

 

Ort:                     Geschichtswerkstatt Minsk

Zeit:                     1. Freitag / Februar, April, Juni, Oktober, Dezember

Leitung:              Dr. Viktor Balakirew, Dr. Kusma Kosak, Julia Lushchick

           

Klub für Kriegshistoriker „Historiker und nicht-traditionelle Zeugnisse des Zweiten Weltkrieges“

Die belarussische Historiographie zum 2. Weltkrieg hat sich jahrzehntelang mit den traditionellen, wissenschaftlich anerkannten Methoden der Erforschung wichtiger Themen, wie des Besatzungssystems, des Partisanenkampfes, des antifaschistischen Widerstands sowie in den letzten Jahren auch der Gefangenschaft, der Konzentrationslager, der Ghettos und der Zwangsarbeit gewidmet. Die Analysen professioneller Historiker stimmen jedoch häufig nicht mit der Bewertung derselben Ereignisse durch die Zeitzeugen überein. Insbesondere bei bisher tabuisierten Themen, wie der Kollaboration sind Historiker und Gesellschaft gespalten. Die Veröffentlichung von Arbeiten von Nichthistorikern sowie zahlreicher Zeitzeugenberichte von Überlebenden des Holocausts, der Zwangsarbeit u.a. erlauben inzwischen einen differenzierteren Blick auf die Kriegsvergangenheit, ohne deren Berücksichtigung eine adäquate Interpretation historischer Dokumente nicht möglich ist.

Im Rahmen des seit 2003 in der Geschichtswerkstatt arbeitenden Klubs der Kriegshistoriker werden daher  prominente Historiker an konkreten Beispielen öffentlich diskutieren, wie historische Forschungsarbeit unter Berücksichtigung von nicht-traditionellen Zeugnissen methodisch und wissenschaftlich fundiert geleistet werden kann.

 

Ort:                     Geschichtswerkstatt Minsk

Zeit:                     4. Freitag / März, Mai, Juli, September, November

Leitung:              Dr. Viktor Balakirew, Dr. Kusma Kosak, Julia Lushchick

 

Klub für Deutschland-Historiker „Verbrechen gegen die Menschlichkeit: deutsche Historiographie des Zweiten Weltkrieges“

Zu den wichtigen Schwerpunkten der historischen Forschung zum Zweiten Weltkrieg in Deutschland gehört die eingehende Analyse der Machtstrukturen des Nazi-Regimes. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, in welcher Weise die verschiedenen Ämter, Dienste etc. an der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik beteiligt waren. Die Ergebnisse dieser Forschung sind für die historische Forschung und die interessierte Öffentlichkeit n Belarus bisher nach wie vor nur begrenzt in belarussischer oder russischer Sprache zugänglich. Zudem wirkt noch nach, dass Belarus aufgrund der vorherrschenden kommunistischen Ideologie lange Zeit nicht an den internationalen Diskussionen über Politik und Alltagsleben während des 2. Weltkriegs in Europa teilnehmen konnte.

In diesem Jahr wird sich der seit 2003 in der Geschichtswerkstatt tagende Klub der Deutschland-Historiker vor allem Fragen des Umgangs des nationalsozialistischen Regimes mit Juden, Sinti und Roma sowie anderen ideologischen Gegnern widmen. Durch die Teilnahme von Historikern aus Deutschland und anderen Ländern können die aktuellen Entwicklungen der deutschen un europäischen Historiographie auch in die belarussische Forschung einfließen.

 

Ort:                     Geschichtswerkstatt Minsk

Zeit:                     3. Freitag / März, Mai, September, Dezember

Leitung:              Viktor Balakirew, Dr. Kusma Kosak, Julia Lushchick


Landeskundliche Schule „Spuren der Erinnerung: Wiederherstellung der Vergangenheit“

Die seit 2003 bestehende Landeskundliche Schule wird von Schülern aus der Mittelschule Nr. 1 in Marijna Groka unter Leitung ihres Geschichtslehrers Boris Mycha getragen. Die Schüler nutzen damit die verbliebene einzigartige Möglichkeit, die Geschichte durch Interviews mit  Überlebenden der Konzentrationslager, der Ghettos sowie der Zwangsarbeit in den durch das Dritte Reich besetzten Ländern zu erforschen. Die Audio- und Videoaufzeichnungen können auch nach dem Tod der Interivews noch  Zeugnis geben und in Ausstellungen, Konferenzen sowie in zahlreichen Medien verwendet werden. Neben der Bildungsarbeit hat die Arbeit der landeskundlichen Schule jedoch soziale und kulturelle Komponenten. Für die abnehmende Zahl der lebenden Zeitzeugen ist der Kontakt mit den jungen Menschen von großer Bedeutung. Der generationenübergreifende Dialog ist zudem ein wichtiges Element in der Erziehung der Jugendlichen zum aktiven Einsatz gegen Neonazismus und Antisemitismus. 

 

Ort:                     Geschichtswerkstatt

Zeit:                     2. Freitag / Januar, Mai, Oktober, November

Leitung:              Dr. Viktor Balakirew, Dr. Kusma Kosak, Julja Lushchick, Boris Mucha

 

Konferenzen

Internationale Konferenz „Jüdischer Partisanenwiderstand im Kontext der Partisanenbewegung 1941-1944 in Belarus“

In den Kriegsjahren 1941-1944 fanden Tausende Juden in Belarus den Mut, um eine Untergrundbewegung zu organisieren. Auf dem Weg zur Rettung haben Belarussen - die Bewohner der Städte und Dörfer - ihr eigenes Leben riskiert, indem sie jüdische Kinder aufnahmen, versteckten, sie vor Kälte und Hunger retteten und außerdem Bewohner der Ghettos zu den Partisanen beförderten. Vereinigt in Gruppen und Abteilungen haben die Juden ihren Partisanenkampf vor allem im Raum des Nalibokski Waldes ab 1941 begonnen. Bald wurden dort große Partisanengruppen gebildet, die Funktionen von Verteidigern der jüdischen Bevölkerung in den Ghettos übernahmen. Die Erarbeitung dieses neuen Themas durch die Historiker, ihre Arbeit mit Archivmaterialien und Erinnerungen der ehemaligen Partisanen aus Belarus, Deutschland, Israel und den USA helfen die Vorstellung über die Gründe, den Charakter sowie die Formen und Methoden der jüdischen Massenpartisanenbewegung zu vertiefen. Der jüdische Partisanenwiderstand war ein wichtiger Bestandteil der allumfassenden  Partisanenbewegung in Belarus.

           

Ort:                     Geschichtswerkstatt Minsk

Zeit:                     23. Oktober

Leitung:              Peter  Junge-Wentrup, Dr. Viktor Balakirew, Kusma Kosak, Julia Lushchick


Internationales Kolloquium „Psychiatriemorde in Belarus“

In den Jahren 1939 bis 1945 sind mindestens 300 000 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen den verschiedenen Formen der nationalsozialistischen „Euthanasie“ zum Opfer gefallen. Während sich für Deutschland, Österreich und einige angeschlossene Gebiete die Zahl der Opfer annäherungsweise schätzen lässt, ist über die ermordeten Patienten und Patientinnen in Belarus sowohl bezüglich der quantitativen Dimension als auch der Systematik der Durchführung der Tötungen bisher wenig bekannt.

Eine an der Universität des Saarlandes gebildete deutsch-belarussische Forschergruppe hat daher in Kooperation mit dem IBB Dortmund und der Geschichtswerkstatt in 2009 zunächst die in der belarussischen wie in der ausländischen Forschung bis heute kaum bzw. überhaupt nicht verwendeten Archivbestände gesichtet, um relevante Akten aufzuspüren und für Wissenschaftler und interessierte Personen zugänglich zu machen. Im Kolloquium sollen die ersten Ergebnisse dieser gemeinsamen deutsch-belarussischen Forschungsarbeit vorgestellt werden

 

Zeit:                                   Februar / März 2009

Orte:                                  Bielefeld

Leitung                              Peter Junge-Wentrup, Herbert Wohlhüter, Viktor Balakirew, Kusma Kosak, Prof. Dr. Rainer Hudemann, Dr. Alexander Friedmann

 

Ausstellungen

„Brücken einer gemeinsamen Erinnerungskultur: Das Werk von Leonid Lewin“

Im August 2008 wurde das Werk des belarussischen Architekten Leonid Lewins durch das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund erstmals einer breiteren deutschen Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei bestätigte sich, dass die von Lewin geschaffenen Gedenkstätten, Menschen grenzüberschreitend berühren und ihnen eine konkrete Vorstellung von den mit Krieg und Vernichtung verbundenen menschlichen Leiden vermitteln. Die Gedenkstätte zur Erinnerung an die durch die Nazis vernichteten belarussischen Dörfer in Chatyn oder für die im Minsker Ghetto ermordeten Juden  in der „Jama“ gehören zu den unvergesslichen Eindrücken aller Teilnehmer von IBB-Studienreisen. Auf Initiative von Michael Mertes, Staatssekretär im Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten, wird die Ausstellung über die Gedenkstätten von Leonid Lewin zum Holocaust-Gedenktag 2010 in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin eröffnet. Die Ausstellung macht damit gleichzeitig auf die aus Berlin nach Minsk deportierten Juden aufmerksam, für die Leonid Lewin im Auftrag der Stadt Berlin und der Stiftung Denkmal für die Ermordung der Juden in Europa in 2009 ebenfalls einen Gedenkstein entworfen hat.

 

Ort:                     Berlin

Termin:              Januar

Leitung:              Peter  Junge-Wentrup, Dr. Viktor Balakirew, Leonid Lewin, Dr. Astrid Sahm

 

Weitere Informationen über diese Ausstellung finden Sie hier.


Ausstellung zum 65. Jahrestag des Kriegsendes „Rettungsorte im Minsker Ghetto“

Im Oktober 1943 wurde das Minsker Ghetto als letztes Ghetto in Belarus von der deutschen Besatzung vernichtet. Zwischen 1941 und 1943 wurden hier etwa 100.000 Juden bei Progromen getötet oder in das nahe gelegene Todeslager Trostenez deportiert. Zwischen 3.000 und 8.000 belarussischen Juden gelang es jedoch sich zwischenzeitig im Ghetto zu verstecken und zu entkommen, von den aus dem Deutschen Reich deportierten Juden überlebten lediglich etwa 50. Im Rahmen der Ausstellung sollen die Ergebnisse der Forschungsarbeit der Geschichtswerkstatt Minsk zur Geschichte des Minsker Ghettos und des Todeslager Trostenez mit Hilfe von neuen Fotos, Dokumenten, persönlichen Gegenständen und verschriftlichten Erinnerungen von ehemaligen Ghetto-Bewohnern vorgestellt werden. Erstmals wird auch der Keller im Gebäude der Geschichtswerkstatt, in dem sich während des Krieges 26 Juden versteckten, von denen 13 überlebten, für Besucher zugänglich sein

 

Ort:                     Geschichtswerkstatt

Termin:              8. Mai

Leitung:              Peter Junge-Wentrup, Dr. Viktor Balakirew, Leonid Lewin, Dr. Kusma Kosak, Julia Lushschick


Gedenkveranstaltungen

Eröffnung der Gedenksteine für Frankfurter und Prager Juden

Über 20.000 Juden aus neun Städten des Deutschen Reiches sind 1941-42 in das Minsker Ghetto, das zu den größten in Europa gehört, und das Todeslager Trostenez deportiert worden. Seit Anfang der 1990er Jahre haben mit Bremen, Düsseldorf, Hamburg, Bonn/Köln, Berlin und Wien bereits sieben Städte auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof in der Nähe der Geschichtswerkstatt Gedenksteine für die aus ihren Orten deportierten Juden aufgestellt. Das Thema der aus Deutschland deportierten Juden wurde zum Gegenstand einer vertieften und detaillierten Forschung durch belarussische und deutsche Wissenschaftler.

In 2010 plant auch die Stadt Frankfurt am Main gemeinsam mit ihrer Partnerstadt Prag die Einweihung eines Gedenksteines zur Erinnerung an die während des 2. Weltkrieges im Ghetto von Minsk umgebrachten jüdischen MitbürgerInnen. Die Enthüllung des Steins soll im November 2010 in Erinnerung an die ersten Deportationen stattfinden.

 

Ort:                     Jüdischer Friedhof in Minsk

Termin:              November

Leitung:              Stadtverwaltungen von Frankfurt am Main und Prag



Würdigung bedeutsamer Jahrestage

Durch den Vorschlag der Zeitzeugen ist in der Geschichtswerkstatt die gute Tradition entstanden, bedeutende nationale und internationale Kriegsdaten im Kreis der ehemaligen Frontkämpfer, der Partisanen, der KZ- und Ghettohäftlinge und der Ostarbeiter zu begehen. 2010 sollen Begegnungen aus Anlass folgender Daten stattfinden:

  • Internationaler Tag der Holocaust-Opfer (27.01.),
  • Tag des Verteidigers des Vaterlandes (23.02.),
  • 7. Jahrestag der Geschichtswerkstatt (21.03.),
  • Internationaler Tag der Befreiung der KZ-Häftlinge (11.04),
  • 65. Jahrestag des Kriegsendes (09.05.),
  • 71. Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion (22.06.),
  • 66. Jahrestag der Befreiung von Belarus (03.07.),
  • Gedenktag der Holocaust-Opfer in Belarus (23.10.),
  • Gedenktag der aus Deutschland nach Minsk deportierten Juden (10.11.).

 

Ort:                     Geschichtswerkstatt

Termin:              ganzjährig

Leitung:              Dr. Kusma Kosak, Julia Luschtschik

 

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