Die Geschichtswerkstatt Minsk

Mehr aus der Geschichte der Geschichtswerkstatt:

„Alles, was ich erlitten habe, bleibt für immer in meinem Gedächtnis, als grausamste Erinnerungen an Hunger, Kälte, Erniedrigungen, schwere Arbeit und Tod. Den Tod der Verwandten, der Freunde, den Tod der besten Zeit meines Lebens. Das alles darf nie mehr geschehen, das ist jetzt unsere gemeinsame Aufgabe.“ ( Leonid Rubinschtejn, Überlebender des Ghettos Minsk )

Nur ein Obelisk erinnerte an das Leiden und Sterben der Juden

Auf dem Gelände des Ghettos Minsk erinnerte nur ein kleiner Obelisk an das Leiden und Sterben der Juden. Überlebende hatten ihn 1948 an der „Jama“ (Grube) errichten lassen, dem Ort des größten Pogroms im Ghetto. Ein Gedenken war dort zu sowjetischer Zeit jedoch nicht möglich. Zeitzeugen berichten, dass beim Versuch, dort gemeinsam der Ermordeten zu gedenken, zum Beispiel Lautsprecher aufgestellt wurden, die die Reden übertönen sollten. In den 1990er Jahren, nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, gab es in beiden Ländern erste Initiativen, die Geschichte des Ghettos und des Lagers Trostenez öffentlich zu machen. Die Städte Hamburg, Düsseldorf und Bremen errichteten auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof Gedenksteine für ihre ermordeten Mitbürger (unser Foto). Das Denkmal der „Jama“ wurde neu gestaltet und durch eine Figurenkomposition von Leonid Lewin, dem Architekten der Gedenkstätte Chatyn, ergänzt. Die neu gegründeten Opferverbände sowie Historiker und Interessierte aus beiden Ländern begannen, die Geschichte des Ghettos und des Lagers erforschen.

Seit 2003 ein Ort der Forschung und Erinnerung

In dieser Situation haben sich das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund, der Verband der jüdischen Gemeinden in Belarus und die Internationale Bildungs- und Begegnungsstätte Minsk dazu entschlossen, in einem der letzten noch erhaltenen Gebäude des ehemaligen Ghettos eine Geschichtswerkstatt aufzubauen. Als Stätte der Erinnerung, der historisch-politischen Bildung und der Forschung bietet sie seit 2003 Raum für alle, denen die Aufarbeitung der Geschichte des Ghettos, des Lagers Trostenez und anderer Tatorte der NS-Verbrechen im Minsker Gebiet ein Anliegen ist. Sie eröffnet Interessierten, Zeitzeugen und Wissenschaftlern aus Belarus, Deutschland und anderen Ländern die Möglichkeit, miteinander in Dialog zu treten, die eigene Sicht auf die Geschichte aus anderer Perspektive zu prüfen und Vorurteile abzubauen. Ein solcher gemeinsam verantworteter Umgang mit Geschichte ist nicht nur eine wichtige Voraussetzung für eine Verständigung und Versöhnung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern Deutschland und Belarus. Er ist auch ein Schritt hin zu einer grenzübergreifenden Geschichtskultur über den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg.

Erinnern im Dialog mit den Überlebenden

Die Einbeziehung von Zeitzeugen, ihre Berichte und Erinnerungen und der menschliche Kontakt spielen eine zentrale Rolle in der Arbeit der Geschichtswerkstatt. Sie wendet sich dabei nicht nur an Überlebende des Ghettos, sondern an alle Opfer des NS-Terrors in Belarus. Viele von ihnen haben ähnlich wie die jüdischen Zeitzeugen jahrzehntelang nicht über ihre Leiderfahrungen sprechen dürfen, so etwa ehemalige KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die im sowjetischen Belarus als Kollaborateure gebrandmarkt wurden. Gerade jene Menschen, die lange Zeit zum Schweigen verurteilt waren, haben heute das Bedürfnis, sich untereinander Unterstützung zu geben, vor allem auch an nachfolgende Generationen. Die Geschichtswerkstatt trägt diesem Wunsch vieler Zeitzeugen Rechnung: Als Anlaufstelle für Angehörige aller Opfergruppen bietet sie die Möglichkeit

  • zu regelmäßigen Treffen
  • zur Kontaktpflege auch zu Institutionen im Ausland zu Gesprächen mit Nachgeborenen aus dem In- und Ausland
  • zur Dokumentation der Lebensgeschichten im „Archiv der Erinnerungen“


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