Reisen und Projekte im Fachbereich Beruf International und Migration

Auf dieser Seite finden Sie Berichte über Projekte, Seminare, Trainings und Fahrten, die der Fachbereich Beruf International und Migration organisiert hat. Die Liste wird regelmäßig ergänzt. Schauen Sie doch öfter einmal bei uns vorbei!

14.06.2010

Aufbau eines Jugendnetzwerks mit der Region Trabzon in der Türkei: Erste Fachkräfte-Exkursion im Mai 2010

Trabzon - eine Stadt am Meer

mit malerischem Ausblick ...

und einer Sardelle als Maskottchen.

Die Gruppe am Schwarzen Meer.

Das Kloster Sümela im bergigen Hinterland

und die Gruppe nach dem Anstieg.

Das Kloster stammt aus dem 4. Jahrhundert

und beherbert manch einen Schatz.

Ein Blick auf die 200-000 Einwohner-Stadt.

und ihre Hafenanlagen.

Schnappschüsse vom ersten

Arbeitstreffen in der Region.

Mehrere Einrichtungen stellen sich vor...

und die ersten Kontakte

werden geknüpft.

Kaffeestopp im Cafè.

Alltag auf dem Markt...

...und der erste offizielle Empfang.

Das Gastgeschenk, ein schwarz-gelber BVB-Ball

kommt gut an.

Trabzon erweist sich als eine

sehr sportbegeisterte Stadt.

Die Designklasse des

Mädchengymnasiums zeigt eine

kleine Modenschau.

Diese Dia-Show mit Fotos von Teilnehmerinnen und Teilnehmern startet automatisch. Durch Klick auf die Pfeile können Sie im eigenen Tempo blättern. Durch einen Klick auf die Mitte des Startfotos können Sie die Darstellung vergrößern.

Warmherziger Empfang für Delegation in Trabzon

Der erste deutsch-türkische Fachkräfteaustausch Ende – organisiert vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund (IBB) - war ein voller Erfolg. Unter der Leitung von Hildegard Azimi- Boedecker, IBB-Referent Beruf international und Migration, trafen Fachkräfte der Dortmunder Jugendarbeit auf Kollegen und Regierungsvertreter der Region Trabzon in der Osttürkei. Das auf ein Jahr angelegte Projekt wird gefördert durch den Kinder- und Jugendförderplan des Landes Nordrhein-Westfalen. Weiterlesen... 

 

Diese Karte verdeutlicht die Lage der Region Trabzon in der Osttürkei

Trabzon
Landkarte von StepMapStepMapTrabzon

Diese Karte zeigt die Lage der Stadt Trabzon in der Türkei: Im Norden liegt das Schwarze Meer und im Süden das Mittelmeer. Durch ein Klick auf die Bildmitte vergrößert sich die Karte. Karte: Stepmap.

"Behindert hier und anderswo" - Fachexkursion vom 9. bis 15. November 2009 in die türkische Hauptstadt Istanbul

Istanbul im November 2009

Impressionen aus der türkischen Metropole.

Erste Station: Der Stadtteil Beyouglu.

Die Einrichtung der Stiftung "Tohum"

...ein privates Zentrum für Kinder und Jugendlichen mit Autismus.

Die Schule für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung „IZEV“.

Die Rehabilitationseinrichtung IZEV.

Begegnung mit drei Elterninitiativen im Stadtteil Sisli.

Das Metin Sabanci Zentrums - für körperbehinderte Kinder und Jugendliche

Ein Blick in die Werkstatt.

Ein Blick ins Wohnheim des Metin Sabanci Zentrums

„Runder Tisch“ mit Experten vom Direktorat für Sozialdienste und Kinder

Das staatlich geförderte Projekt „ISÖM“ in Tophane

Besuch des Projekts Rami

In der angegliederten Werkstatt werden Prothesen für bedürftige Menschen hergestellt.

Informativer Austausch mit dem Leiter der Einrichtung „AREM“ und einer Dozentin für Sonderpädagogik.

Besuch der Einrichtung „TOMURCUK“

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15.11.2009

2005 - 2011 entscheidende Jahre in der Türkei

Mit einer Besichtigung des Stadtteils Beyoglu – vom Taksim zur Rue Francaise begann die Exkursion am Montag, 9. November. Eindrucksvoll präsentierte sich der Taksim, ein zentraler Platz mit dem Denkmal der Republik. Von hier aus waren alle Einrichtungen der Fortbildungswoche gut zu erreichen, die Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einer 14 -Millionen-Stadt vermittelten ein Gefühl für die Schwierigkeiten behinderter Menschen im Straßenverkehr. Erste Ansätze gibt es allerdings: Die U-Bahnen und Seilbahnen sind allesamt mit Aufzügen und Eingängen für Rollstuhlfahrer ausgestattet, die Ampeln haben akustische und fühlbare Signale. Busse sind noch unzureichend umgerüstet und auch die hohen Bordsteine in Istanbul sind schon für Nichtbehinderte Stolperbarrieren. Auch liegen die Einrichtungen auf das gesamte Stadtgebiet verteilt, also auf der europäischen und asiatischen Seite. Die Fahrten dorthin dauern in der Rushhour oft mehrere Stunden, so dass viele Einrichtungen für die Menschen aus dem weiteren Umkreis unerreichbar sind. 


Grundlage aller neuen Entwicklungen in der Arbeit mit Behinderten in der Türkei ist das Jahr 2005, auf das während der Fortbildungswoche von allen Beteiligten auf türkischer Seite verwiesen wurde. 2005  wurde in der Türkei das so genannte Gleichstellungsgesetz verabschiedet, das auch die Rechte behinderter Menschen verankert. Dazu gehören die Schaffung von Barrierefreiheit in allen öffentlichen Gebäuden bis zum Jahr 2011, Infrastrukturhilfen für Firmen, die Behinderte einstellen und der Anspruch auf ein kleines Pflegegeld für Familien behinderter Menschen. Wie in Deutschland sind in der Türkei die Integration besonders von Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung in das Arbeitsleben und die Fortbewegung im Alltag die größten Probleme.

Türkeiweit existieren nach Angaben der türkischen Gesprächspartner ca. 2000 Rehabilitationseinrichtungen, davon etwa 50 allein in Istanbul. Nicht gesichert ist die genaue Zahl derer, die landesweit erreicht werden können sowie die exakte Zahl behinderter Menschen, da viele nicht im Hilfesystem auftauchen. Vieles ist in Planung und im Aufbau.     

  

Privates Stiftungssystem als Pfeiler der Gesellschaft

Bis flächendeckend ein System vernetzter staatlicher oder kommunaler Hilfen für behinderte  Menschen aufgebaut ist, übernehmen häufig private Stiftungen diese Aufgaben. In islamischen Ländern gibt es kein vergleichbares System zu unserer Kirchensteuer und auch kein Subsidiaritätsprinzip, nach dem auch Regelaufgaben auf freie Träger übertragen werden könnten. Inzwischen erfolgt jedoch staatliche Unterstützung auch privater Einrichtungen, nach Aussage der dortigen Fachkollegen allerdings in noch unzureichender Höhe. So werden lediglich bis zu 6 Therapiepiestunden im Monat pro Person finanziert, der Rest muss privat aufgebracht werden. Die islamisch tradierte Selbstverpflichtung zur Fürsorge gegenüber Armen, Schwachen und Reisenden in Not hat ein umfassendes freiwilliges Spendensystem hervorgerufen, von dem auch private Stiftungen der Behindertenhilfe profitieren. Fast alle privaten Einrichtungen existieren Dank der Spenden von  Industriellen, Banken, wohlhabenden oder ganz normalen Bürgern. Kehrseite der Medaille ist die Planungsunsicherheit. Da es keinen generellen Förderanspruch gibt, ist vorausschauende Arbeit oft  schwierig. Mehr und mehr sind daher die Einrichtungen auch auf Projektgelder  z. B. der  Europäischen Union oder auf nationale Förderprogramme angewiesen.   

Einrichtungen der Behindertenhilfe
Einblicke in behavioristische Ansätze der Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen gewannen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einem Besuch des privaten Zentrums zur Früherkennung und für Behandlungsmethoden von Kindern und Jugendlichen mit Autismus. Getragen wird diese Einrichtung von der Stiftung „Tohum“. Diese lehnt sich an amerikanischen Modellen an, die das konditionierende Verhaltenstraining in den Mittelpunkt therapeutischer Arbeit stellen, ein Ansatz, der vielen Teilnehmern der Besuchsgruppe durch die Anwendung von Imitationslernen, operantem Konditionieren und dem Einsatz von Primärverstärkern (Nahrungsmitteln) zunächst fremd vorkam. In Deutschland wird u.a. die - in der Türkei auch bekannte - TEACCH – Methode  bevorzugt. Vergleichbar mit deutschen Ansätzen ist aber z.B. das Training mit Münzbrettern zum Erlernen des Umgangs mit Geld, sehr unterschiedlich die Integration autistischer Menschen in soziale Gruppen. Applied Behavior Analysis bzw. Angewandte Verhaltensanalyse ist eine Therapieform zur Behandlung von autistischen Störungen, entwickelt an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) in den 60er Jahren.

Die halbstaatliche Schule für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung „IZEV“ mit Besuch der Rehabilitationseinrichtung IZEV, das Metin-Sabancı Zentrum, eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit spastischer Körperbehinderung, und die Fahrt zum Rehabilitationszentrum „AREM“ im Stadtteil Kadiköy, einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen, vermittelten einen Eindruck von den unterschiedlichen Ansätzen staatlicher Stellen und privater Initiativen.

Die Sabancı-Stiftung hält als eine der wenigen Einrichtungen Wohngruppen und Appartements für  körperbehinderte Menschen vor. Ein großes Problem ist aber die Integration der Menschen in das Arbeitsleben. Der Schulbesuch ist je nach Grad der Behinderung in der Regel gegeben, in integrativen bzw. Regelklassen oder in speziellen Schulen innerhalb der Einrichtungen.

„Overprotection“, also die Überbehütung durch die Eltern, ist ein weiteres Problem in der Familienarbeit, so die Mitarbeiter der IZEV-Reha-Abteilung Das Vertrauen in die Fähigkeiten behinderter Menschen und die Förderung ihrer Selbständigkeit ist für IZEV zentrales Anliegen. Sie berichteten von Kindern, die bei Aufnahme kaum laufen konnten und nun große Fortschritte  gemacht hätten, sehr zur Verwunderung ihrer überfürsorglichen Eltern. Diese hätten kaum geglaubt, dass ihre schwer behinderten Kinder gemeinsam in Gruppen mit nicht- oder nur leicht behinderten Kindern so aufblühen würden. IZV unterhält in Sariyer auch das erste private Cafe-Restaurant in Istanbul für Menschen mit Trisomie 21/Down-Syndrom.

Besonders die Organisation AREM (Avrupa  Rehabilitasyon Merkezi) in Kadiköy betonte die demokratische Einbeziehung von Kindern, Jugendlichen und Familien und die Förderung durch Bildungsangebote. Bildung, nicht Erziehung, ist dort oberstes Gebot, Empowerment und Abbau von Diskriminierungen stehen im Vordergrund, wie der Leiter Dr. Hassan Güventürk verdeutlichte. Behinderung wird hier als gesellschaftliches Phänomen begriffen. AREM arbeitet nach den Methoden von Piaget und Eriksson. Individuelle Förderpläne und Elterngespräche sollen die  Gruppen- und Einzeltherapie optimieren. Die Besucher des Zentrums werden durch ein Gutachterteam eingestuft.

Hochschul-, Erwachsenen- und Elternbildung als Zukunftsaufgabe
Die Universitätsdozentin Okay Sari von der Marmara Universität attestierte eine noch große Lücke in der türkischen Erwachsenenbildung und in der Elternbildung. Mittlerweile gibt es zwar in den großen Städten viele Stadtteilinitiativen, diese sind jedoch nicht genug vernetzt oder bekannt. Insgesamt beklagten alle Fachkollegen, dass Frühförderung in der Türkei inklusive der Beratung bei Behinderung nach Verwandtenehen bislang kaum entwickelt worden sei und die Arbeit mit behinderten Kindern erst relativ spät greife, viele Kinder somit für optimale Förderung verloren seien, da sie dieses Defizit kaum aufholen könnten. Auffallend in den meisten Einrichtungen war die große Zahl von Kindern mit Trisomie 21, in der Türkei noch Down-Syndrom genannt. Ebenso unterschiedlich zu Deutschland: die Behinderten werden relativ strikt nach Behinderungsarten getrennt gefördert.

Begegnungen mit Experten vom kommunalen bzw. regionalen Direktorat für Sozialdienste sowie städtischen Sozialarbeitern, Soziologen und Psychologen und ein Diskussionsabend mit Vertretern von drei Elterninitiativen fokussierten auf den Bedarf, die Entwicklungen und die Mängel  türkischer Sozialarbeit und Therapie. Danach ist der Bereich der Frühförderung zur rechtzeitigen Erkennung von Behinderungen im Kleinkindhalter noch nicht ansatzweise flächendeckend ausgebaut. Wenngleich noch immer Scham, Tabus und Angst vor Vermietern oder abschätzigen Reaktionen der Nachbarn vorherrschen, wächst das Bewusstsein der türkischen Familien mit behinderten Kindern nach Beobachtung türkischer Sozialarbeiter jedoch. Sie gehen offener mit dem Thema um und  suchen die Öffentlichkeit. Das Motto einer Einrichtung ist daher folgerichtig  „Uns gibt es auch!“ Beklagt wurden jedoch die langen bürokratischen Wege bis zur Erreichung des Hilfesystems, welches mit Ansätzen des Case-Managements arbeitet und die noch fehlende großflächige Verankerung des Forschungsgebietes „Sonderpädagogik“ in der gesamten Türkei. Die Hochschulen, so die Vertreterin der Universität Marmara, seien nicht ausreichend mit aktueller Fachliteratur und Finanzen ausgestattet, was die Entwicklung eigener Forschung und Lehre erschwere. Es existieren noch zu wenige Fachbereiche mit zu wenig Personal, es gibt  zurzeit 9 sonderpädagogische Bereiche an den Fakultäten. Studenten dieser Fachrichtungen werden relativ häufig zu Studien ins Ausland entsendet, Fachfremde aus den pädagogischen Bereichen erhalten darüber hinaus 3monatige Fortbildungen.

 

Sexualität und selbstbestimmtes Wohnen: Tabuthemen werden neu aufgegriffen 
Ein neues, großes Thema, so fast alle Einrichtungen, ist die Sexualität und Pubertät. Großes Interesse  bestand an der Handhabung des Themas „Heirat und Partnerschaft geistig behinderter Menschen“ in Deutschland. In der Türkei ist die Heirat bestimmter Gruppen geistig behinderter Menschen per Gesetz verboten, alle Praktiker berichteten jedoch von dringendem Handlungs- und Veränderungsbedarf in diesem Feld, in der traditionell- muslimischen Gesellschaft ein sensibles Thema. Die Türkei ist eine demografisch sehr junge Gesellschaft mit eher jüngeren behinderten Menschen, die zumeist lebenslang in den Familien bleiben oder innerhalb der Verwandtschaft oder Bekanntschaft verheiratet werden, um versorgt zu sein. Daher liegt der Fokus zunächst auf der Arbeit  mit Kindern, erst allmählich findet das Thema „junge und ältere Erwachsene mit Behinderungen“ Beachtung. Die mitgebrachten Materialien der Fachkollegen der Arbeiterwohlfahrt Dortmund gerade zu diesem Thema waren stark nachgefragt. 

In der von betroffenen Müttern gegründeten Genossenschaft TOMURCUK in Maltepe werden Menschen mit einer geistigen Behinderung tagesstrukturierend beschäftigt. Hier stellen sich die Eltern der Frage: was geschieht mit unseren Kindern nach Beendigung der Schule oder im Erwachsenenalter, wenn die Betreuung durch die eigene Familie nicht mehr gewährleistet ist? Tomurcuk, die bald eine Stiftung ausgründen werden, arbeiten an Konzepten für Werkstätten, Integration in den Arbeitsmarkt und an Modellen für eigenständiges Wohnen. Auch hier ist das Thema „soziale Inklusion“ durch Ausbildung und Beruf ein ganz zentrales. Die jungen, geistig behinderten Menschen haben einen eigenen Sprecherrat gegründet, wie Schülersprecherin Gözde Güve, übrigens dreifache Goldmedaillengewinnerin der Special Olympics, anschaulich berichtete. Tomurcuk wurde als Genossenschaftsmodell gegründet und hat große Pläne, wie eine Ausbildungsstätte für Restaurant- und Küchenpersonal und Produktionswerkstätten, eine auch wirtschaftlich schwierige Aufgabe, wie die deutschen Erfahrungen zeigen.   

Hilfeplanung, Stadtteilprojekte und „Barrieren in Kopf“
Vor Ort lernten die Besucherinnen und Besucher das städtische  Projekt im Stadtteil Rami, der regional bzw. staatlich geförderten Koordinationszentrale „ISÖM“ in Tophane kennen. In dieser Zentrale für den Großraum Istanbul wurden die Entwicklung der Behindertenarbeit und die Strategien zur Bildung kommunaler und regionaler Netzwerke deutlich gemacht. Hier geht die Tendenz weg von rein zentraler staatlicher Kontrolle und Koordination. Die Kommunen und Provinzen sollen stärker zu Selbstverwaltung und Eigenkoordination angeregt werden. Auch der Zusammenschluss von staatlichen, kommunalen Trägern und NGO soll gefördert werden. Behindertenvertreter haben Sitz und Stimme in der gesetzgebenden „şura“ in Ankara, von wo aus in die Sozialdirektorate entsprechende Weisungen erfolgen. Das Projekt in Rami ist ein Beispiel für funktionierende Stadtteilarbeit mit dem „muhtalik“ und „mahalle“- Ansatz und bietet Werkstätten „atölyes“ u.a. in den Bereichen Kunsthandwerk und Gärtnerei auch für erwachsene Behinderte mit geistiger Beeinträchtigung bis zum Alter von 35 Jahren. Zurzeit werden von ISÖM ca. 100 000 Menschen erreicht. Angeschlossen ist auch eine Orthopädiewerkstatt, wo Stadtteilbewohner direkt ärztlich verordnete Prothesen erhalten können, ohne den umständlichen Weg über zentrale Behörden machen zu müssen. Positiv fiel auf, dass ein Fahrtendienst existiert und durch Exkursion am öffentlichen Leben partizipiert wird. Ein Highlight ist die dortige Musiktherapiegruppe, die bereits im In- und Ausland auftrat und den Besuchern eindrucksvolle Beispiele türkischer traditioneller und Janitscharenmusik gab. Ähnlich arbeiten die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Stadtteilinitiative von Şişli, unterstützt durch den dortigen Bezirksbürgermeister. Computerkurse, Zusammenarbeit mit der ersten von Blinden herausgegebenen Zeitschrift und Sommerferiencamps für Mehrfachbehinderte sind ein Teil der Aktivitäten. Befragt zu den Hauptproblemen im Alltag gaben die dortigen Mütter an: zugeparkte Behindertenparkplätze, Barrieren im Stadtverkehr für Rollstuhlfahrer und die nicht immer erfolgende Unterstützung durch die Männer in den Familien, “die sich häufig zurückziehen, wenn es schwierig wird“ so eine betroffene Mutter. Wie wichtig und effizient Unterstützung auch durch Bezirksvertretungen und lokale Politik ist, wurde hier besonders deutlich. „Es gilt, zuerst die Barrieren im Kopf zu beseitigen“, beschrieb der Vertreter des Bezirksbürgermeisters sehr treffend die Situation nicht nur für die Türkei.
 
Zivilgesellschaftliches Lernen und Effekte für Deutschland
Durch das tiefe Eintauchen der Fachgruppe in den türkischen Alltag wurden die großen aktuellen Veränderungen und Umwandlungsprozesse innerhalb der türkischen Gesellschaft deutlich. Auch der Umgang mit behinderten Menschen ist ein Indikator für den Zustand und die Entwicklung zivilgesellschaftlichen Lernens. Sowohl konservative als auch progressive gesellschaftliche Kräfte sind in diesen Prozess involviert. Kein einfaches Ziel bei der Größe der Türkei, die mit infrastrukturellen Problemen und traditionellen Strukturen umgehen muss. Noch ist längst nicht alles perfekt, aber die Türkei geht diese Aufgabe mit Riesenschritten an.

Sowohl die türkischen als auch die deutschen Fachkräfte nehmen Impulse und Informationen mit nach Hause, Bilder in den Köpfen wurden gerade gerückt durch neue Erfahrungen einer differenzierten türkischen Gesellschaft. Für die Arbeit in Deutschland mit türkischstämmigen Menschen mit Behinderung konnten wertvolle Hinweise gewonnen werden. Aus türkischer Sicht wurden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • Frühe, aufsuchende Sozialarbeit und face-to-face Ansprache gemäß der türkischen Mentalität
  • Stärkung der Frauen, der Orientierung und Sprachkompetenzen (für Migranten in Deutschland und für Migranten in der Türkei aus den ländlich-östlichen Regionen, die in Großstädte ziehen gleichermaßen) 
  • Andockung von Angeboten in die ethnischen Gemeinden, besonders in die “hemşerilik derneği“, in die Nachbarschaften oder Vereine von Menschen aus dem gleichen Ort z.B.„Trabsonlular“
  • Integration der Männer/Väter als Repräsentanten/Entscheider nach außen in die Thematik
  • Abbau von Ängsten und schambesetzten Vorstellungen
  • Breitstreuende Aufklärungskampagnen (intelligent hier das Modell von ISÖM, die Adressen und Informationen auf alle Strom- und Wasserrechnungen der Bürger drucken)

Am Sonntag schließlich machte sich die Gruppe unter Leitung von Hildegard Azimi-Boedecker auf den Heimweg. Die Fachexkursion ist Teil einer Fortbildungsreihe des Fachbereiches Beruf International und Migration beim IBB und wird im nächsten Jahr fortgesetzt. 

Das Interesse an der Weiterarbeit und an internationalem Austausch mit Besuch türkischer Fachkollegen in Dortmund und Umgebung ist groß.

Die ausführliche Dokumentation mit allen Adressen der Teilnehmer und der besuchten Einrichtungen ist ab Februar 2010 beim IBB erhältlich.

Bericht: Hildegard Azimi-Boedecker
Fotos: Claudia Schrammel

 

 

Regionales Weimarer Dreieck 2009: Der neunte Jugendgipfel bringt Jugendliche aus drei Ländern diesmal in Polen zusammen - Ziel Schlesien

Welche Bedeutung haben Grenzen im modernen Europa? Was grenzen sie ein?  Wen grenzen sie aus? Diese Fragen standen im Mittelpunkt beim neunten Jugendgipfel im Rahmen des Regionalen Weimarer Dreiecks vom 28. Juni bis 5. Juli 2009 in Polen. 15 Jugendliche aus ganz Nordrhein-Westfalen durften auf Einladung der Staatskanzlei NRW Gleichaltrige aus Polen und Frankreich treffen in der südpolnischen Stadt Bielsko/ Biala. Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk e. V. in Dortmund (IBB) hatte den Jugendgipfel bereits zum sechsten Mal im Auftrag der Staatskanzlei NRW organisiert.

Ein Höhepunkt des trilateralen Treffens, das die EU-Regionen NRW, Nord-Pas de Calais und Schlesien seit neun Jahren in jedem Sommer reihum organisieren, war eine Diskussion mit hochkarätigen  Politikern aus allen drei Regionen über die Bedeutung von Grenzen und Abgrenzungen, sowie über Chancen der Vielfalt und der Integration in Europa.
 
Zuvor hatten sich die jungen Franzosen, Deutschen und Polen in Workshops und Seminaren sowohl mit der geschichtlichen Bedeutung der Grenzen im zusammenwachsenden Europa als auch mit ihren eigenen unterschiedlichen Wahrnehmungen von (Staats-) Grenzen im Alltag auseinander gesetzt. Im Rope Park – einem Hochseilgarten – hatten die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zudem Gelegenheit, beim Klettern ihre eigenen Grenzen auszutesten. 

Die Reise in die rund 1000 Kilometer entfernte ehemalige Bergbauregion Schlesien, zu der Nordrhein-Westfalen traditionell enge Kontakte pflegt, vermittelte den Schülern, Studenten und Berufsanfängern daneben auch viele interessante Einblicke in den Alltag in Polen.

Bei einer historischen Stadtführung durch Bielsko / Biala und bei Ausflügen in die benachbarten Städte – in der tschechischen und slowakischen Grenzregion – konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst einen Eindruck vom gesellschaftlichen Wandel verschaffen. In der Stadt Zywiec (ehemals Saubusch) folgten die 17- bis 23-jährigen auch multiethischen Spuren, indem sie ehemals deutsche Wohnviertel besichtigten und sich über die Geschichte der Vertreibung ehemals polnischer Bewohner informierten.

Neben den vielen Diskussionen und Exkursionen bot auch das Freizeitprogramm noch genügend Raum für gemeinsame Aktivitäten. Zum Abschluss präsentierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Ergebnisse ihrer Arbeit in Form einer Foto-Ausstellung zum Thema „Grenzen überwinden“.


„Es war eine wirklich gut geplante und erfolgreiche Woche“, lobte einer der mit 17 Jahren jüngsten Teilnehmer. „Es war einfach super!“, lobte eine andere Teilnehmerin.

Unter 50 Bewerbern aus ganz Nordrhein-Westfalen hatte das IBB im Auftrag der Staatskanzlei 15 junge Frauen und Männer ausgewählt. Sie kamen aus Aachen, Altenberge, Bergkamen, Bocholt, Dülmen, Düren, Geilenkirchen, Hagen, Inden, Köln, Menden, Meschede und Würselen.  

Der zehnte Jugendgipfel im Rahmen des Regionalen Weimarer Dreiecks wird pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr Ruhr.2010 im Sommer des nächsten Jahres junge Gäste aus Frankreich und Polen in Nordrhein-Westfalen zusammenbringen.

Den Erfahrungsbericht einer Teilnehmerin finden Sie hier.


Fotos: Teilnehmerinnen und Teilnehmer/ erstveröffentlicht im Internet


Exklusive Einblicke in die Sozialarbeit in der Türkei

Exklusive Einblicke vermittelte eine Fachkräfteexkursion vom 13. bis 18. April 2009 jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Diakonischen Werks Münster. Sie lernten bei dieser Reise mit dem IBB nicht nur die Stadt Istanbul von ihrer schönsten Seite kennen, sondern durften auch einen Blick hinter die Pforten des Stadtteilprojektes Beyoglu werfen und schauen, wie der Unterricht im Europa-Kolleg in der Praxis aussieht. Unsere Bilderauswahl vermittelt auch einen Eindruck von der fröhlichen Stimmung in der Gruppe, die zwischen  informativen Gesprächen auch Zeit fanden,die Frühlingsstimmung der türkischen Metropole zu genießen.

Diese Dia-Show startet automatisch nach einigen Sekunden. Wenn Sie die Bilder im eigenen Tempo anklicken möchten, klicken Sie bitte auf den rechten oder linken Rand des Fotos. Wenn Sie auf die Bildmitte klicken, springt ein größerer Rahmen auf. Rechts und links an den Bildern finden Sie dann ebenfalls  Pfeile zum Vor- oder Zurückblättern. Viel Vergnügen.

Experten aus Usbekistan zum Fachbesuch in Dortmund und Bielefeld:

Beeindruckt vom dichten Betreuungsnetz für Behinderte in Deutschland

Drehfächer gegen die Hitze und Tuppis, die traditionellen Kopfbedeckungen für Frauen, hatten die Gäste aus Usbekistan für ihre Gastgeber im Dortmunder Rathaus, Cornelia Irle (vorn links) und Christiane Vollmer (vorn rechts) im Gepäck. Die Stadt Dortmund indes spendierte passend zum tristen Novemberwetter rote Regenschirme.

Einen umfassenden Einblick in die Betreuung von Menschen mit Behinderungen in Deutschland gewannen sechs Experten aus Usbekistan gleich an ihrem ersten Besuchstag in Dortmund am Dienstag, 18. November 2008. Im Rathaus, in der Max-Wittmann-Förderschule und im Berufsförderungswerk Dortmund (BFW) trafen die Gäste auf Fachleute, die anschaulich die Organisationsstrukturen der Behindertenarbeit verdeutlichten und schließlich einen Eindruck vermittelten, wie die Arbeit im Alltag aussieht.

 

Die Gäste aus dem zentralasiatischen Staat waren auf Einladung des IBB Dortmund und der von-Bodelschwinghschen-Anstalten Bielefeld in Deutschland. Bis Samstag beschäftigten sie sich in Theorie und Praxis mit dem deutschen System der  Behindertenbetreuung . Am Sonntag, 23. November, traten sie nach einem Planungsgespräch mit dem IBB ihre Heimreise an. "Wie gut gelingt die Integration von Kindern mit Behinderungen in Regelschulen?" und "welche Arbeitsmöglichkeiten finden Erwachsene?" wollten die Gäste wissen. "Wer bezahlt die Fahrt mit dem Schulbus zu einer speziellen Förderschule?" 

In Usbekistan leben rund 700 000 Menschen mit Behinderungen

Konzentriert hörten die Gäste zu (l. Beate Gaide)
Christiane Vollmer (r.) moderierte den RundenTisch.
Hildegard Azimi-Boedecker (3.v.l.) leitete die Delegation.

Im rund 27 Millionen Einwohner zählenden Usbekistan leben mehr als 700 000 Menschen mit Behinderungen, berichtete Askar Muminov vom Ministerium für Arbeit und Soziales in Usbekistan. Erste integrative Einrichtungen für Kinder werden gerade eröffnet. Doch viele der selbstverwalteten Makhallyas in den Städten und Dörfern drängen auf weitere Hilfsmaßnahmen, um Kinder und auch ältere Menschen mit Einschränkungen besser in den Alltag und die Arbeitswelt zu integrieren, sagte Raviya Mirzaewa, Projektkoordinatorin "Professional integration of disabled people". Unterstützt wird sie von der Nationalen Organisation „Special Olympics“, die mit Gulnora Saidova ihre Direktorin und mit Larissa Silschenko eine Projektkoordinatorin nach Dortmund entsandt hat. Ihre Begleiterinnen Gulnora Yulchieva  und Rakhima Abdulganieva repräsentieren mit dem „Öffentlichen Wohltätigkeitsfonds Taschkent“ und dem Frauenkomitee Taschkent zwei weitere einflussreiche Organisationen aus der usbekischen Hauptstadt.

 

Im Rathaus begrüßten Christiane Vollmer, Behindertenbeauftragte der Stadt Dortmund, und Cornelia Irle, Internationale Angelegenheiten, die Gäste am Dienstagvormittag zu einem "Runden Tisch" Behindertenhilfe. Acht Gesprächspartner aus dem Schul-, Gesundheits- und Sozialamt, von der Arbeitsagentur, dem Verein Lebenshilfe, dem Stadtsportverband und aus der Politik verdeutlichten, welche Angebote es für die verschiedenen Altersgruppen gibt: Angefangen von Beratungsstellen zur Frühförderung von Kindern über die besondere Betreuung von Schulkindern mit Behinderungen in Regelschulen durch Heilpädagogen bis zur gesetzlichen Verpflichtung von Arbeitgebern, auch Schwerbehinderte zu beschäftigen. Die Vernetzung der vielfältigen Angebote und das Zusammenführen aller wichtigen Informationen fordert allen Beteiligten allerdings auch einige Anstrengungen ab.  
  

Dortmunder Max-Wittmann-Schule gewährt einen Einblick in die Praxis

Ein Klassenzimmer der besonderen Art: Der Raum zur Förderung der Sinneswahrnehmung in der Max-Wittmann-Schule.
Beim Malunterricht schauten die Besucher den Kindern über die Schulter.

In der städtischen Max-Wittmann-Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung konnten sich die Gäste in den Klassenzimmern und in der Turnhalle selbst ein Bild machen, wie differenzierter Unterricht in kleinen Lerngruppen aussehen kann. Entspannungs- und  Sinnesräume, die spezielle Licht-, Tast-, Hör- und Bewegungserfahrungen vermitteln, ergänzen das Angebot üblicher Klassenräume. Die Schule war ursprünglich von einer Elterninitiative gebaut worden, erfuhren die Besucher, die sich in Usbekistan zum Teil ebenfalls auf nicht-staatlicher Ebene für die Behindertenarbeit engagieren.


Das Berufsförderungswerk in Dortmund (BFW) präsentierte sich schließlich als überregionales Kompetenzzentrum für die berufliche Rehabilitation und Integration von Erwachsenen. Ausbilder, Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter arbeiten in dieser Einrichtung in Dortmund-Hacheney eng zusammen. In einem speziellen Reha-Assessment® werden die mentalen und motorischen Fähigkeiten differenziert beurteilt, um neue berufliche Perspektiven zu finden für Menschen, die durch Unfälle oder schwere Krankheiten ihren ursprünglich erlernten Beruf nicht mehr ausüben können. Rund 70 Prozent der Absolventen in den mehr als 35 Ausbildungen mit IHK-Abschluss werden wieder in den Arbeitsmarkt integriert.

Aufschlussreiche Begegnungen in Bethel: Blick in eine Werkstatt

In Bethel begegneten die Besucher der NRW-Beauftragten für Behinderte und dem IBB-Vorstand, Matthias Tümpel (hinten, 2.v.r.), sowie seinem Vorgänger Herbert Wohlhüter (hinten rechts).
Die professionelle Arbeit in der Werkstatt beeindruckte die Besucher.

Von Mittwoch bis Freitag besuchte die Gruppe mit Referentin Hildegard Azimi-Boedecker die von-Bodelschwinghschen -Anstalten in Bielefeld, wo sie auch den früheren IBB-Vorsitzenden und früheren Co-Leiter der von-Bodelschwinghschen-Anstalten Herbert Wohlhüter traf.

Zum Programm gehörte auch ein Gespräch mit der NRW-Landesbeauftragten für die Belange der Menschen mit Behinderung Angelika Gemkow (auf unserem Foto oben vorne, 2. v. l.) im Freizeit- und Kulturzentrum Neue Schmiede in Bethel.

Hildegard Azimi-Boedecker, r. ), Referentin des Fachbereichs "Beruf International und Migration", begleitete die Gruppe. Die Delegation übergab Gemkow einen „Tuppi“ – die landestypische Kopfbedeckung für Frauen. Außerdem informierte sich die Gruppe über die Arbeit in einer Behindertenwerkstatt in Bethel. In Bielefeld traf die Gruppe darüber hinaus auch den IBB-Vorsitzenden Matthias Tümpel (Foto unten, 2.v.r.) und seinen Amtsvorgänger, den früheren Co-Leiter der von-Bodelschwinghschen Anstalten, Herbert Wohlhüter (4.v.r.).

Am Samstag stand dann noch einmal ein Kolloquium mit Professor Dr. Horst Biermann von der Technischen Universität Dortmund auf dem Programm. Dort ging es um die Vielfalt der verschiedenen Berufsbilder in der Behindertenarbeit.

Der Sonntag, 23. November, stand schlließlich im Zeichen des Rückblicks und der Bewertung der vielfältigen Eindrücke der vergangenen Tage und der Evaluation. Und nach Gesprächen über die weiteren Pläne machte sich die Reisegruppe auf den Weg zurück nach Usbekistan.

Fotos: Gunnar Kreutner (2), Mechthild vom Büchel  (8)

Trilaterales Treffen im Rahmen des Weimarer Dreiecks 2008:

Achte Jugendkonferenz in Frankreich gab wichtige Impulse

Ein polnischer Abend an der französischen Atlantikküste war nicht nur für die deutschen Teilnehmer an der achten französisch- deutsch- polnischen Jugendkonferenz ein Highlight. Am 5. Juli waren die 15 deutschen Teilnehmer von der anregenden, aber auch anstrengenden einwöchigen Jugendbegegnung im Rahmen des
Regionalen Weimarer Dreiecks zurückgekehrt.

Das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk Dortmund (IBB) hatte die deutsche Beteiligung im Fachbereich Beruf international und Migration organisiert und mit Linda Ebbers eine Gruppenleiterin mit auf den Weg nach Nordfrankreich geschickt. Bereits seit 2004 betreut das IBB dieses jährliche Projekt im Auftrag der Staatskanzlei NRW.   

Sieben Tage lang trafen die 17- bis 23jährigen Gleichaltrige aus den nordrhein-westfälischen Partnerregionen Nord-Pas de Calais (Frankreich) und Schlesien (Polen). Im nordfranzösischen Ferienort Ambleteuse, wenige Kilometer westlich von Calais, widmeten sich die insgesamt 45 Teilnehmer intensiv dem Thema „Migration im erweiterten
Europa“.

Zahlreiche Impuls-Vorträge beleuchteten das Thema – von der jahrhundertealten Geschichte der Migration in Europa bis zu möglichen Folgen des irischen „Neins“ zum Lissabon-Vertrag und möglichen Folgen für die EU. Politiker der drei Regionen besuchten die Gruppe, darunter Europareferent Dr. Christian Engel von der NRW-Staatskanzlei,
Vize-Marschall Zbyszek Zaborowski, in der Region Schlesien zuständig für internationale Angelegenheit und Kultur, Europareferent Michel Grellier und Jan Olbrycht, Mitglied des Europaparlaments und Vizepräsident der Kommission für Regionalentwicklung. Damit nicht genug: Sogar mit dem polnischen Botschafter in Frankreich, Seiner Exzellenz Tomasz Orlowski, sowie dem deutschen Botschafter Seiner Exzellenz Peter Ammon machten die jungen Leute auf der achten Jugendkonferenz Bekanntschaft und auch Wanda Krystyna Kalinska vom polnischen Generalkonsulat in Lille stattete der Politik-interessierten Gruppe einen Besuch ab.

Mit ihren Vorträgen stießen die hochkarätigen Besucher lebhafte Diskussionen an, zum Beispiel über die zunehmende Anforderung an die räumliche Flexibilität hoch qualifizierter Spezialisten innerhalb Europas. Die jungen Teilnehmer brachten individuelle Erfahrungen und unterschiedliche Blickwinkel in die Gespräche ein: Die eigene Herkunft aus dem Iran und Erfahrungen von Elternteilen aus dem Senegal und Algerien. Die jungen Polen berichteten vom spürbaren Druck auf die neue EU-Außengrenze in Polen durch Zuwanderungswillige aus Belarus, der Ukraine und Russland  – während qualifizierte junge Polen aktuell zur Arbeitssuche in Richtung England und Irland abwandern. 

Interessante Impulse vermittelte die Vorführung des preisgekrönten Films ‚Lichter’. Er erzählt die Lebensgeschichten von jungen Deutschen, Polen und Ukrainern, die sich in Frankfurt an der Oder begegnen und erkennen, dass in ihren Lebensgeschichten Welten aufeinander treffen. Am Grenzfluss zeigt der Film, wie schmal die Grenze ist zwischen  Armut und Auskommen, zwischen Lüge und Legalität, zwischen dem Wunsch nach freier Wahl des Aufenthaltsortes und der Wirklichkeit für die Menschen jenseits der EU-Grenze. “Dieser Film hat viele sehr bewegt“, berichtet Linda Ebbers, Begleiterin der deutschen Gruppe.

Die vielen neuen Erfahrungen verarbeiteten die Teilnehmer schließlich in Workshops zu Collagen, Sketchen und Mind-Maps und präsentierten diese Ergebnisse am Ende der Woche am 4. Juli beim trilateralen Jugendgipfel im Conseil Régional, dem französischen Regionalparlament in Lille, wo die Gruppe am Ende sogar Gelegenheit zu Gesprächen mit französischen Europa- und Regional-Politikern hatte.

Simultan-Dolmetscher sorgten die ganze Woche über für glänzende Verständigung. Im Freizeitprogramm genossen die jungen Leute die Nähe zum Meer. „Viele hatten zum ersten Mal Gelegenheit zum Strandsegeln“, erzählt Linda Ebbers. Am Ende der informationsreichen Woche stand für viele fest: So eine Begegnung müsste es noch einmal geben. Und auch das Thema Migration bietet noch viele Anknüpfungspunkte für weitere Diskussionen. Vorüberlegungen auf politischer Seite zur Fortsetzung dieser Themenreihe über drei Jahre  bestehen bereits.

Zum Hintergrund:
Die 15 deutschen Teilnehmer kamen aus Recklinghausen, Essen, Dortmund, Pulheim, Bonn, Nettetal, Sendenhorst, Meschede, Warendorf, Bad Oeynhausen, Oerlinghausen, Oer-Erkenschwick und Bergkamen. Eingeladen waren sie von der Staatskanzlei des Landes Nordhrein-Westfalen, die die Jugendbegegnung auf der Basis des Weimarer Dreiecks zum achten Mal mit veranstaltet hatte.

Die jährliche Jugendkonferenz wird reihum in den Ländern Deutschland, Frankreich und Polen angeboten und in Deutschland organisiert unter anderem vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) e.V. in Dortmund. Sie zieht auf regionaler Ebene die Achsen des Weimarer Dreiecks zwischen den drei Ländern nach, das der frühere deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher zusammen mit seinen französischen und polnischen Amtskollegen, Dumas und Skubiszewski, am 28. August 1991 in Weimar ins Leben gerufen hat.

2008 führte es zum achten Mal junge Menschen aus den früheren Bergbaugebieten Nord-Pas de Calais (Frankreich), der Woiwodschaft Schlesien (Polen) und Nordrhein-Westfalen zusammen.

Mitgewirkt haben:
Das Deutsch-französische Jugendwerk, das Deutsch-Polnische Jugendwerk, das IBB, das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gliwice, das Maison de la Polonia de France in Hénin –Beaumont und das Goethe-Institut in Lille.

Zur Konferenz nach Usbekistan im Juli 2008

IBB- Vertreter als einzige deutsche Gäste in Taschkent

Als einzige Deutsche nahmen drei Vertreter des IBB im Juni an einer UNICEF-Konferenz zur Behindertenarbeit in der usbekischen Hauptstadt Taschkent teil. Herbert Wohlhüter, früherer IBB- Vorsitzender, stellte in einem Fachvortrag das deutsche System der Behindertenarbeit und -integration vor. IBB- Referentin Hildegard Azimi-Boedecker (unser Foto) berichtete über Ansätze sozialer Inklusion Behinderter durch Arbeit am Beispiel der Werkstätten für behinderte Menschen und  virtueller  Werkstätten. Als dritter IBB- Vertreter nahm der neue IBB- Vorsitzende Matthias Tümpel an der Studienreise teil.

Zu den Zuhörern der IBB- Delegation gehörten etwa 60 Experten aus dem medizinischen, pädagogischen und administrativen Bereich aus Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan, Usbekistan und Russland. Zu der Konferenz mit dem Titel „Commitment to Chance Lives of Children and People with Different Abilities” war das IBB eingeladen durch Kontakte, die auf früheren Studienreisen und zum Leitungskommitee der  Special Olympics Usbekistan (SOU) geknüpft worden waren. In Usbekistan gilt Sport als bewährte und schnellste Möglichkeit der sozialen Integration, berichtete Hildegard Azimi- Boedecker anschließend Es gebe aber auch eine Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Wegen der sozialen Inklusion zum Beispiel nach deutschem Vorbild. So suche man in Usbekistan neue Ideen für Berufsausbildungen und Arbeitsmöglichkeiten für behinderte Menschen.  Unterstützung  erhält  SOU durch usbekische Sponsoren aus der  Industrie wie die  Karavanholding, die ebenfalls zum Empfang  geladen hatte.  In Gesprächen mit Senatorin Svetlana Inamova, die auch Vorsitzende des Special Olympics Comitee ist und sich in der NGO "Soglom avlod uchun fund“ für körperlich und geistig behinderte Menschen engagiert und mit Yana Chicherin vom United Nations Develoment Program konnten die IBB-Gäste als einzige Vertreter aus EU-Ländern Impulse zur Nachahmung geben. Dort erfuhren die IBB-Vertreter in einem Gespräch mit Dr. Alisher Inakov vom Ministerium für Arbeit und sozialen Schutz, dass aktuell stadtteilbezogene Projekte für behinderte Menschen angedacht sind in neu  zu schaffenden ambulanten Tageszentren mit Beschäftigungsmöglichkeiten.

Die IBB- Gäste hatten daneben noch Gelegenheit zum Besuch der Gymnastik-Wettkämpfe  der Special Olympics, der Olympiade für geistig und mehrfach behinderte Menschen, und zum Besuch mehrerer Heime für schwer- und schwerstbehinderte Kinder. Die Gastgeber machten deutlich, dass in ihrem zentralasiatischen Land Fachleute für Therapie und Weiterbildung fehlen. Gulnara Saidova, Generaldirektorin der SOU will das Spektrum der Hilfen über den Sport  hinaus  ausdehnen und steht mit  ihrer halbstaatlichen Organisation  als nationale Partnerin für  Projekte bereit.

Den Beratungs- und Schulungsbedarf  nahm das IBB als Anregung mit nach Hause. Auch in der Slowakei und in Belarus hat das IBB schon Beratungs-, Schulungs- und Qualifizierungskonzepte angeboten, die teilweise in den Ländern vor Ort und teilweise in Deutschland angeboten wurden und werden.  „Wir sind zuversichtlich, dass dieser Besuch der Anfang einer vertieften Beziehung zu neuen Partnern in Usbekistan ist“, sagte IBB-Referentin Azimi-Boedecker nach ihrer Landung.

Trilaterale Jugendkonferenz in NRW im Juli 2007:

Unterwegs in Europa zu neuen Berufen

45 Jugendliche aus Schlesien (Polen), Nord-Pas de Calais ( Frankreich) und Nordrhein-Westfalen trafen sich in der Woche vom 1. bis 8. Juli in Dortmund. Sie lebten und lachten gemeinsam, besuchten die Deutsche Bank und die Jobmesse Erneuerbare Energien in Gelsenkirchen, das WDR-Hörfunkstudio Dortmund und ein Logistikzentrum. Sie suchten und fanden Antworten auf die Frage nach neuen Berufen für junge Europäer. Organisiert hatte die Veranstaltung das IBB im Auftrag der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei als regionalen Teil des Weimarer Dreiecks, das einst Außenminster Hans-Dietrich Genscher initiiert hatte. Einen kleinen Eindruck davon, wie sie die Woche erlebten, vermittelt diese Dia-Show. 

Aufwühlender Besuch in Auschwitz und Krakau im Mai 2007

"Bilder, die bewegen und bleiben"

Aufwühlende Einblicke in das unermessliche Grauen des Konzentrationslagers Auschwitz. Und zwei Tage später ein herrlicher Ausblick auf die einzigartige Stadt Krakau. Bilder, die bewegen und die bleiben, nahmen 21 junge Menschen mit, die in Deutschland ein Freiwilliges Soziales Jahr leisten und im Rahmen dieses Jahres sechs Tage Polen bereisen durften. Einfühlsam organisiert hatte das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk e.V. (IBB) in Dortmund die sechstägige Reise in Kooperation mit dem Diakonischen Werk. Und weil die zwölf Männer und neun Frauen im Alter zwischen 19 und 22 Jahren ohnehin schon in der Behindertenbetreuung, in Altenheimen und in Krankenhäusern sozial engagiert sind, stand der Besuch unter der Fragestellung: „Der Mensch soll dem Menschen ein Mensch sein! Was bedeutet Auschwitz für unser soziales Engagement in der Gegenwart?“ Das erste Ziel nach der Landung in Krakau war die Stadt Oswiecim/Auschwitz. Eine Führung durch die geschichtsträchtige Stadt mit ihren schmucken alten Fassaden eröffnete erste Einblicke in den Alltag der einst stark von ihren jüdischen Gemeinden geprägten Stadt am Rande Oberschlesiens. Am Nachmittag ging es erstmals zum ehemaligen Stammlager Auschwitz, das heute als weitläufige Gedenkstätte an das unermessliche Grauen der systematischen nationalsozialistischen Menschenvernichtung erinnert. Die überwältigende Wucht der Eindrücke verarbeiteten die Reiseteilnehmer abends am Lagerfeuer unter freiem Himmel. Am nächsten Tag fuhren sie zum ehemaligen Lager Birkenau, um es diesmal in Kleingruppen selbst zu erkunden. „Wir geben den Teilnehmern bei solchen Studienreisen gern ein wenig Zeit zur eigenen Annäherung und Verarbeitung“, sagt Burkard Grahn, Polen-Spezialist beim IBB Dortmund. „Kalt und bedrückend“ wirkten allein die Wände. „Man spürte es in jeder Sekunde, trotz des strahlenden Sonnenscheins. Nach mehreren Stunden, die wir in Auschwitz und Birkenau verbrachten, war ich persönlich wirklich froh, diese Gelände erst einmal zu verlassen, bzw. sie verlassen zu können“, beschreibt André Keierleber (20), tätig im Flüchtlingsreferat des Evangelischen Kirchenkreises Recklinghausen, seine Eindrücke. Am nächsten Tag ging es weiter in Richtung Krakau, nicht ohne ein bewährtes Ritual des Abschieds: Noch einmal hielt der Bus am Haupttor des früheren Vernichtungslager Birkenau an. Jeder Teilnehmer legte eine rote Rose nieder und einen selbst bemalten und beschrifteten Stein als Zeichen des Trauerns und Bedauerns. Der nächsten Station der Reise, der kulturträchtigen Stadt Krakau, näherte sich die Reisegruppe über den Königsweg: vom Floriansturm an der Marienkirche vorbei in die Altstadt. Begeistert waren die Teilnehmer von dem urigen Keller-Restaurant mit Live-Musik, in das sie die kundige IBB-Leiterin zum Abendessen „entführte“. War das Restaurant schon ein Geheimtipp, hatten die jungen Besucher am nächsten Tag ihrer Reise gleich noch einmal eine einzigartige Gelegenheit zu einer beeindruckenden Annäherung an die Geschichte: Nach ein paar Bummel-Stunden am Vormittag hatte das IBB für den Nachmittag einen Besuch in der Praxis der Ärztin Zofia Slizowska organisiert. Sie hat sich auf die Behandlung überlebender Auschwitz-Häftlinge spezialisiert, die bis heute unter den körperlichen und seelischen Folgen von Unterernährung und ständiger Todesangst leiden. Freiwillige Helfer aus Deutschland und der Ukraine und ein Patient der Praxis, Jozef Rosolowski vom Polnischen Verband der ehemaligen politischen Häftlinge in Kleinpolen, bereicherten die Informationsgespräche. Tief beeindruckt von den anschaulichen Schilderungen überreichten die jungen Reisenden spontan eine Spende. Anschließend traf sich die Gruppe im Krakauer Goethe-Institut mit einem weiteren ehemaligen Auschwitz-Häftling: Jozef Paczynski. Er war damals persönlicher Friseur des Lagerkommandanten und damit ein intimer Kenner der befehlenden Akteure. Polen heute erlebte die Reisegruppe dann beim Abendessen in einem weiteren Geheimtipp-Restaurant und bei der anschließenden Erkundung des Nachtlebens. Am letzten Reisetag besuchte die Reisegruppe schließlich das Albertiner-Kloster, das eine Speisung von Bedürftigen organisiert. Nach einer Auswertung der anspruchsvollen Seminar-Reise traten die Teilnehmer am Abend ihren Heimflug nach Dortmund an. „Die beiden Leiterinnen Agata Grzenia und Patricia Czechanowicz hatten alles stets im Griff“, lobten die jungen Reisenden rückblickend. Nur eines trübte den rundum positiven Eindruck einer eindrucksvollen Reise: Die brennenden Füße nach „rasanten Kilometermärschen“.

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