Das Lebenswerk des belarussischen Künstlers und Gedenkstätten-Architekten Leonid Lewin steht im Mittelpunkt einer Ausstellung, die am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, in Berlin eröffnet wird. Die Ausstellung ist eine Kooperation des IBB Dortmund mit der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund.
Staatssekretär Michael Mertes eröffnet die Ausstellung am 27. Januar 2010 um 18.30 Uhr in der NRW-Landesvertretung in Berlin-Tiergarten.
Lewin, 73, Träger des Leninpreises der Sowjetunion und des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland, hat mehr als 20 preisgekrönte Gedenkstätten in Belarus und anderen Staaten der GUS gestaltet. Sein künstlerisches Wirken gilt vielen als Basis einer europäischen Erinnerungskultur.
Im kritischen Kontrast zum Sowjetischen Realismus und zur viele Jahre verordneten Glorifizierung des Zweiten Weltkriegs in Belarus als dem „Großen Vaterländischen Krieg“ hat Lewin seit den 60er Jahren Orte der Erinnerung geschaffen, die mit einfachen Mitteln die Tragödie des Krieges und des Holocaust erfahrbar machen. Für die 1969 eröffnete Gedenkstätte Chatyn erhielt er 1970 den Leninpreis.
„Ein gutes, modernes Denkmal sollte Information, Ausdruck und Sinn vermitteln“, beschreibt Lewin den eigenen hohen Anspruch. In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion seien viele Kriegsdenkmäler aufgestellt worden, die mit gigantischen Ausmaßen Besucher beeindrucken wollen und dabei bedrohlich wirken. „Aber diejenigen, die als Kunstwerke gelten können, die einen berühren und zum Nachdenken bringen, lassen sich buchstäblich an einer Hand abzählen“, resümierte Lewin bereits 2008 im Interview mit der Autorin des Buches „Architektur als Gratwanderung“ Dr. Astrid Sahm, Direktorin der IBB „Johannes Rau“ in Minsk. „Ich möchte, dass der Besucher die Tragödie durchlebt, an deren Ort er gekommen ist. Wenn er die Gedenkstätte verlässt und vergisst, was er dort gesehen hat, dann habe ich mein Ziel verfehlt.“
Mit dem Blick eines in Belarus lebenden Künstlers hält Lewin die Erinnerung an die Opfer wach: Das Denkmal für die ermordeten Juden an der Minsker Jama (Grube) zeigt die Opfer als Bronzefiguren, die als gesichtslose Schatten die Treppe zur Grube hinunter gehen. Sein Denkmal für alle ermordeten Kinder der Kriege in Krasnyj Bereg stellt ein Segelboot und Kinderbilder als Zeichen für immer verlorener Kinderträume in den Mittelpunkt. Die Erinnerung an das Konzentrationslager Stalag Nr. 342 in Molodetschno ist von außen als bedrohlich massiver Betonblock angelegt und eröffnet erst hinter den Mauern den Blick auf Zeichen der Hoffnung. Die Gedenkstätte in Gorodeja zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Einwohner des Dorfes bezieht Landschaft und Menschen stark ein: Zur stilisierten Häuserruine auf dem Hügel führt eine Felsbrocken-Kaskade, die von überlebenden Dorfbewohnern zur Erinnerung an jedes einzelne Opfer dorthin geschafft wurde.
Ein Krieg – so lautet Lewins Botschaft – kann nicht unter dem Blickwinkel von Sieg oder Niederlage betrachtet werden. Krieg ist eine menschliche Tragödie. „Das Wesentliche einer gemeinsamen Erinnerungskultur liegt aus meiner Sicht darin, dass es ein übereinstimmendes Verständnis für den Krieg als Tragödie gibt“, sagt Lewin. „Ich stehe für eine Kunst, die gegen den Krieg agitiert.“
Lewin ist in Belarus Vorsitzender des Verbandes der jüdischen Gemeinden. Seit 1995 ist er Mitglied des Kuratoriums der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ in Minsk. Für sein herausragendes Engagement in der Versöhnungsarbeit zwischen Deutschland und Belarus erhielt er am 2. April 2008 das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Botschafter Dr. Gebhardt Weiss würdigte Lewin als Vertreter einer Generation, die die eindringliche Erinnerung an die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg mit dem Willen zur verantwortungsvollen Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft in Europa verbindet.
Das IBB hatte Lewin bereits im Jahr 2008 das erste deutschsprachige Buch über sein Lebenswerk gewidmet. Das Buch „Architektur als Gratwanderung – Leonid Lewin – ein Werk als Brücke von Gedächtnis und Gegenwart“ kann beim IBB bestellt werden.
Termin:
Mittwoch, 27. Januar 2010, 18.30 Uhr, Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund, Hiroshimastraße 12 -16, Berlin-Tiergarten.
Die Einladung zur Ausstellungseröffnung finden Sie hier.
Bildtext -Informationen:
Foto oben:
Am Eingang der Gedenkstätte Chatyn steht der Schmied Jossif Kaminski, der seinen toten Sohn trägt. Am 22. März 1943 wurde das Dorf Chatyn niedergebrannt.
Foto Mitte:
Die Figurenreihe symbolisiert den Gang zum Erschließungsplatz im ehemaligen Minsker Ghetto.
Foto unten:
Leonid Lewin, 73, steht für eine Kunst gegen den Krieg.
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